29.07.2026
Was haben ein Zirbenbett, Holzpellets aus Sägespänen und Alpenkräuter-Extrakte gemeinsam? Sie sind Teil der Tiroler Bioökonomie - einem Wirtschaftsmodell, das fossile Rohstoffe durch regionale, nachwachsende Alternativen ersetzt. Mit 9,33 Milliarden Euro Umsatz und über 32.000 Beschäftigten ist die Bioökonomie bereits heute ein bedeutender Pfeiler des Wirtschaftsstandorts Tirol.
Unser heutiges Wirtschaftssystem folgt noch immer einem linearen Prinzip: Rohstoffe werden entnommen, verarbeitet, verbraucht und entsorgt. Die Grundlagen dafür wurden im 18. Jahrhundert gelegt, zu einer Zeit, als die Weltbevölkerung klein und der Ressourcenverbrauch überschaubar war. Heute stößt dieses Modell an seine Grenzen.
Bioökonomie denkt Wirtschaften neu: Sie zielt darauf ab, fossile Rohstoffe durch nachwachsende, biobasierte Alternativen zu ersetzen und Ressourcen in geschlossenen Kreisläufen zu halten. Konkret umfasst das alle Sektoren, die biologische Ressourcen produzieren, verarbeiten oder nutzen – von der Land- und Forstwirtschaft über die Lebensmittelproduktion bis hin zur Chemie- und Textilindustrie.
Die österreichische Bioökonomiestrategie ergänzt diesen Ansatz ausdrücklich um eine soziale Dimension: Die Umstellung auf eine kreislauforientierte Wirtschaft erfordert einen gesamtgesellschaftlichen Transformationsschritt, der alle Bereiche des täglichen Lebens berührt.
Tirol: Ein starkes Fundament für die Bioökonomie
Tirol ist für diesen Wandel gut aufgestellt. Bereits heute erzielen 3.768 Unternehmen im Land einen Bioökonomie-Umsatz von 9,33 Milliarden Euro, das entspricht 11,8 Prozent der Gesamtwirtschaft. Über 32.000 Beschäftigte, knapp 10 Prozent aller Erwerbstätigen im Land, arbeiten in bioökonomisch relevanten Bereichen.
„Diese Zahlen zeigen: Bioökonomie ist in Tirol keine Zukunftsvision, sondern bereits heute ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Unser Ziel ist es, dieses Potenzial gezielt weiterzuentwickeln und noch mehr Unternehmen für den Einstieg in biobasierte Kreisläufe zu gewinnen", sagt Marcus Hofer, Geschäftsführer der Standortagentur Tirol.
Besonders prägend ist der Holzsektor: Der Bereich Holz und Holzprodukte erzielt in Tirol fast 3 Milliarden Euro Umsatz und belegt damit unter allen Sektoren den zweiten Platz. „Rund 42 Prozent der Tiroler Landesfläche sind mit Wald bedeckt, das sind rund 520.000 Hektar. Damit und mit einem jährlichen Holzeinschlag von bis zu 1,8 Millionen Erntefestmetern verfügt Tirol über eine außergewöhnlich breite Rohstoffbasis“, erklärt proHolz-Tirol-Vorstandsmitglied Kurt Ziegner. Dass rund die Hälfte des Tiroler Waldes Schutzwald ist, zeigt: Der Wald ist nicht nur Wirtschaftsfaktor, sondern auch essenziell für den Erhalt von Siedlungen, Infrastruktur und Lebensraum im Gebirge.
Zum Vergleich: Im benachbarten Vorarlberg, dem kleinsten Flächenbundesland Österreichs, erwirtschaften bioökonomische Unternehmen 6,21 Milliarden Euro – mit einem Anteil von 12,9 Prozent an der Gesamtwirtschaft sogar proportional etwas mehr als in Tirol. Vorarlberg zeigt eindrucksvoll, dass Bioökonomie auch in kleinen Räumen große Wirkung entfalten kann.
Vom Primärrohstoff bis zum Reststoff: Tiroler Bioökonomie zum Angreifen
Was Bioökonomie in der Praxis bedeutet, lässt sich an konkreten Tiroler Rohstoffen und Produkten zeigen. Hier drei Beispiele, die nicht so offensichtlich sind:
- Bergkräuter von Tirols Almen und Bergwiesen liefern Rohstoffe für Tees, ätherische Öle, Tinkturen sowie Extrakte für die Pharma- und Kosmetikindustrie. Die alpine Höhenlage verleiht den Pflanzen besondere Qualität: Oberhalb von 1.500 Metern bilden sie bis zu 30 Prozent mehr Wirkstoffe als in Tallagen – ein natürlicher Standortvorteil, den Tiroler Betriebe erfolgreich nutzen.
- Die Zirbe, Tirols Charakterbaum, steht für hochwertige regionale Wertschöpfung. Vom Forstbetrieb über die Säge bis zum fertigen Möbel oder zur Spa-Ausstattung eines Tiroler Hotels bleibt die gesamte Wertschöpfungskette nahezu vollständig in der Region. Tirol verfügt über rund 15.000 Hektar Zirbenwald, ein Bestand, der durch die klimabedingte Verschiebung der Baumgrenze nach oben weiter wächst.
- Holzreststoffe aus der Tiroler Holzindustrie werden zum einen zu Holzwerkstoffen verarbeitet, aus denen Möbel und Inneneinrichtungen entstehen. Zum anderen gibt es im Bundesland über 100 Biomasse-Heizwerke, die Reststoffe zu Fernwärme veredeln und damit ganze Ortschaften versorgen. Diese Beispiele zeigen exemplarisch, wie Kreislaufwirtschaft funktioniert: Was in einem Prozess als Reststoff anfällt, wird im nächsten zur wertvollen Ressource.
„Tirol hat eine einzigartige Ausgangslage: Wir haben die Rohstoffe, wir haben das handwerkliche und industrielle Know-how, und wir haben eine Unternehmenslandschaft, die offen für Innovation ist. Die Bioökonomie verbindet all das auf eine Weise, die sowohl wirtschaftlich als auch ökologisch überzeugt", so Marcus Hofer von der Standortagentur Tirol.
Bioeconomy Austria: Das österreichweite Netzwerk
Um die Bioökonomie gezielt weiterzuentwickeln, braucht es starke Kooperationen zwischen Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik. Genau hier setzt Bioeconomy Austria an: das österreichweite Netzwerk zur Umsetzung der nationalen Bioökonomiestrategie, organisiert als Verein und gefördert im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik von Bund, Ländern und EU mit einem maximalen Fördervolumen von 2,4 Millionen Euro.
Das Projekt läuft von Jänner 2025 bis Dezember 2028 und vereint Wirtschaftsagenturen und Cluster aus mehreren Bundesländern: neben der Standortagentur Tirol und proHolz Tirol unter anderem ecoplus aus Niederösterreich, Innovation Salzburg, den Holzcluster Steiermark, Business Upper Austria sowie das Ökosoziale Forum Wien. „Ziel ist es, beginnend im Holzsektor, konkrete Maßnahmen für die Umsetzung der Bioökonomiestrategie zu erarbeiten, Synergien zwischen Unternehmen sichtbar zu machen und praxistaugliche Pilotkonzepte zu entwickeln,“ erläutert Kurt Ziegner von proHolz Tirol.
„Bioökonomie funktioniert nicht im Alleingang. Was uns bei Bioeconomy Austria auszeichnet, ist die Bereitschaft, über Bundeslandgrenzen hinweg gemeinsam zu denken und voneinander zu lernen. Dieses Netzwerk ist ein echter Mehrwert für alle Beteiligten – und letztlich für den gesamten Standort Österreich", betont Marcus Hofer, Geschäftsführer der Standortagentur Tirol.
Tirols Rolle: Modellkreisläufe und eine Studie für die Region
Die Standortagentur Tirol übernimmt innerhalb von Bioeconomy Austria die Leitung des Impulsprojekts zu Modellkreisläufen. Ziel ist es, biogene Kreisläufe in überschaubaren Wirtschaftsräumen aufzubauen und als Grundlage für breitere regionale Umsetzungen zu erproben. Das Engagement wird eng mit dem Circular Hub Tirol verknüpft, der zentralen Anlaufstelle für Kreislaufwirtschaft in Tirol.
Ein wichtiger Meilenstein im Jahr 2026 ist eine Studie zu Bedeutung und Potenzial der Bioökonomie in Tirol, die von der Universität Innsbruck umgesetzt wird. Geographisch liegt der Fokus auf den Bezirken Kufstein und Kitzbühel; als strategische Partner sind die Regionalmanagements regio3, Kitzbüheler Alpen und KUUSK sowie proHolz Tirol eingebunden. Parallel dazu läuft eine Online-Befragung produzierender Unternehmen. Die Ergebnisse – inklusive konkreter Handlungsempfehlungen, die gemeinsam mit Unternehmen und Stakeholdern erarbeitet werden – sollen im Sommer 2026 präsentiert und diskutiert werden.
„Mit der Studie schaffen wir erstmals eine solide Datenbasis darüber, wo die Bioökonomie in Tirol heute steht und wo die größten Hebel für die Zukunft liegen. Darauf aufbauend können wir mit Unternehmen und Regionen konkret werden, nicht in abstrakten Strategiepapieren, sondern in gelebten Kreisläufen vor Ort", erklärt Marcus Hofer.
Chancen für Tiroler Unternehmen
Für Tiroler Betriebe eröffnet die Bioökonomie handfeste Perspektiven: Innovationen auf Basis nachwachsender Rohstoffe, die Entwicklung biobasierter Produkte und Prozesse sowie regionale Wertschöpfung entlang neuer Kreisläufe. Besonders angesprochen sind produzierendes Gewerbe, Industrie und Handwerk, lebensmittelverarbeitende Betriebe, Land- und Forstwirtschaft sowie die Abfall- und Abwasserwirtschaft.
„Wir laden Tiroler Unternehmen ein, Teil dieser Entwicklung zu sein. Wer heute in biobasierte Prozesse und Produkte investiert, sichert sich Wettbewerbsvorteile von morgen und leistet gleichzeitig einen Beitrag zu einer Wirtschaft, die mit den natürlichen Ressourcen unseres Landes sorgsam umgeht", so Hofer abschließend.
Ganz aktuell ist das Jahrbuch 2026 von Bioeconomy Austria erschienen. Dieses gibt einen Überblick darüber, wie Bioökonomie in den österreichischen Bundesländern gelebt wird. Zudem zeigt es die maßgeblichen Player auf und gibt einen umfassenden Einblick in die Thematik.
Links
>>Circular Hub Tirol
>>Projekt Bioeconomy Austria auf der Website der Standortagentur Tirol
>>Website von Bioeconomy Austria